05.12.2009

Klassiker am Samstag - Evan Dando singt Ben Lee

Auf nach Hamburg. Evan Dando spielt. Im Vorprogramm treten Tobacco auf. Zurück aus Hamburg, eine CD in der Tasche. Die ein Jahr später dann doch woanders erscheint. Baby, I'm Bored! Jahre später spielt Ben Lee Hard Drive und All My Life von dieser CD in Berlin. Lee hat sie geschrieben.

03.12.2009

Das Orange Blossom Special XIV - Mein OBS (7)

Lange waren wir still, doch heute ist Donnerstag. Heute ist Mein-OBS-Tag! Es müssen nicht immer nur Menschen sein, die ihre Geschichte erzählen. In dieser Woche gewährt uns die Bühne Mein-OBS-exklusiv Einblicke in ihre Geschichte.


It's your universe, behaupten die Menschen. Doch das bin nur ich


Nun, ich hab sie schon alle gehabt. Auf mir standen und spielten unzählige Künstler. Unter ihnen The Walkabouts, SPORT, Hazeldine, Go To Blazes, Olli Schulz, Tilman Rossmy, Willard Grant Conspiracy, The Great Crusades, Get Well Soon, Scott Matthew, The Violent Years, I Am Kloot, One Finger Salute, Fink, King Khan & His Shrines, 25 Green Way und viele, viele, sogar hunderte, mehr.

Gebaut wurde meine Vorgängerin von Titto, Jürgen und Rembert, vor fast 14 Jahren, aus ein paar Spanplatten, einem riesigen Stapel Euro-Paletten und unzähligen Spax-Schrauben. Bisschen Plane oben drüber. Fertig. Vorher musste allerdings noch ein halber Urwald abgeholzt werden, um Platz zu schaffen. Angeblich sollte nur ein kleines Grillfest stattfinden und auf ihr, meiner Vorgängerin, sollte etwas Musik zur Unterhaltung dargebracht werden. Was sich daraus für ihre und meine Erbauer und letztlich auch für mich für Konsequenzen ergeben würden, das war damals noch nicht abzusehen. Sie, meine Vorgängerin, war komplett selbst gebastelt. Und hatte `nen Dachschaden. Genau über dem Schlagzeug-Podest tat sich ein kleines Loch auf. Tropf, tropf, tropf.


So manch einer stand auf mir, noch viel mehr immer davor


Daher wurden, im zweiten Jahr des OBS, gleich Nägel mit Köpfen gemacht. Dachten meine Erbauer. Und zogen einen Fachmann zurate, dessen Selbstsicherheit ihnen Mut machte, dessen Ahnungslosigkeit allerdings sich erst nach etwa zwei Jahren als exorbitant erweisen sollte. Er ersann und baute: mich. Stress und körperliche Anstrengung waren mir rasch deutlich anzusehen. Irgendjemand hatte da wirklich deutlichst gepfuscht. Ich hatte viel zu dünne Beine, anfangs. Das sagten alle, damals. Die Balken, die mein Dach stützten, waren bei weitem zu zierlich für dessen Gewicht und bogen sich gefährlich nach außen. Sie formten sich zum "O" und machten mich, zumal bei Schneelast, oder wenn Bühnenbeleuchtung an meinem Dach hing - lebensgefährlich. Dann nahmen sich ein Statiker und der Zimmereibetrieb Rose aus Jakobsberg meiner an.


Auftritt Böhners Gebalstapler. Darauf einige Europaletten, darauf Baustempel/Deckenstützen. Hoch mit dem Dach, Stützen drunter und Durchhalten. Alte Beine wegkloppen. Neue Stützen, bzw. die zu einem Rahmen verbundenen neuen Beine per Seilwinde hochziehen und drunterschieben. „Halt bloß durch, sonst gibt's hier Verletzte, Gabelstapler!“ sagte der eine. „Wenn wir Glück haben“, sagte der andere. „Hecheln, Bühne, immer weiterhecheln, gleich ist es geschafft!“ Sie versuchten, mir Mut zu machen. Während sie mich verrenkten, aus den Angeln hoben, mich notdürftig abstützten und sich einen Dreck drum scherten, dass eine Bühne, bitteschön, doch auch Würde und Gefühle hat. „Halt durch, du machst das super, du bist echt total tapfer“, sagten sie. „Nochmal hecheln, jaaa, richtig, dauert nicht mehr lange, istgleichsoweit, bisschen drücken und pressen noch, ja doch, wir sind ja bei dir, ganz kurz nur noch, verdammt warum geht das hier nicht weiter, schieb doch mal den Pfosten weiter durch, Himmeldieberge!“

Und zack, hatte ich, die wieder strahlende Bühne, tolle, feste Beine, die mein schweres Dach zu halten vermögen. Ohne einen einzigen Nagel oder eine Schraube drin. Alles in guter alter Handwerkstradition mit Holz verzapft. Schon irre. Richtig schmuck sah das aus. Und seitdem geht es mir bei der Arbeit auch viel besser. Und auch alle anderen fühlen sich wohler, da sie nicht mehr befürchten müssen, dass ich mitten in einem Konzert zusammenbreche und the next big thing unter mir begrabe.


Der Morgen danach. Ein Szenario wie aus einem Emmerich-Schinken

Der ganze Aufwand wird betrieben, nur damit ich ein Mal im Jahr von bekloppten Musikern mit Füßen getreten werde. Von Big Bang. Von Lampshade. Von Robert Fisher. Das sind Belastungen. Aber ohne mich wäre das ja alles nichts. Das macht mich auch stolz.

Jedenfalls nahm die Gewissheit Gestalt an, dass ich mich solchen Belastungen fürderhin jedes Jahr zu stellen haben würde. Auf unbestimmte Zeit. Ich wollte eigentlich nur in Ruhe vor mich hin stehen. Aber das Leben ist nun mal kein Rummelplatz. Ich fügte mich also in mein Schicksal und lasse nun jedes Jahr zu Pfingsten eine Horde Musiker auf mich drauf.



Sie wollen Euch erzählen, Und der hier macht das Jahr für Jahr. Mein Erschaffer erzählt einen schlechten Witz


Aber auch wenn diese Veranstaltung für mich immer ein Knochenjob ist, so bereitet sie mir doch auch Freude. Ich werde immer schön herausgeputzt. Zuerst räumen Stefan, Philip, Felix, Johannes und die anderen diese Expo-Faltdächer von mir runter, die auf mir überwintern. Dann fegen sie mich. Das kribbelt immer ganz toll. Währenddessen steigt Yannick auf mein Dach und befreit es von Moos, Laub und toten Vögeln, damit mein Abfluss nicht verstopft. Als nächstes krabbelt Martin, mit einem Tacker bewaffnet, in mein Gebälk und zieht mir mein Kleid an. Dieses Kleid trage ich schon seit einigen Jahren. Früher war ich da experimentierfreudiger. Ich erinnere mich noch gut an mein gold-glänzendes Disco-Folien-Outfit. Aber das raschelte immer so laut, wenn es mal windig wurde, und die Techniker haben sich darüber beschwert. Also kam das Kleid nach einem Jahr wieder in den Schrank. Heute ziehe ich es noch regelmäßig zum Beverunger Karneval an.

Nachdem dann auch noch ein Teppich auf mir verlegt wurde, wird es richtig spannend. Dann kommen nämlich die Techniker und hängen lauter Boxen und Lampen in mich rein. Das ist immer ein ganz schöner Akt und sie fluchen oft über mich. Aber insgeheim mögen sie mich, glaube ich. Zur Krönung werde ich dann von Carsten gesaugt. Der macht das übrigens jeden morgen. Muss er auch, denn nach einem Festivaltag sehe ich immer ganz schön mitgenommen aus. Dauernd kippen Bierflaschen auf mir um und treten Musiker Zigaretten auf mir aus. Einmal hat Dave sogar auf mir geschlafen. Deshalb bin ich froh, dass sich diese Leute so nett um mich kümmern.

Und ich bin froh, dass jedes Jahr so viele Menschen kommen um mich zu sehen.


Alter Schwede! Es gibt immer was zu tun

So manches Mal bekam ich mit, dass ich im Mittelpunkt stehe. Etwa, als Rembert sich um meine seitliche Wetterplane bemühte: "Krause, kriege ich 24m² der alten LKW-Plane für zwei Eintrittskarten? Das alte Mädchen braucht dringend`nen Mantel!". Dann versuchten die Menschen vom OBS-Team vor einigen Jahren, ein Zwischendach zu ziehen, vom Balkon des Glitterhouses bis zu meinem Dach. Darin, in meinem Dach nämlich, ist seitdem ein Loch. Jürgen, aber, der tapfere Erbauer, der mich auch immer mit dem (selbstgebauten!) Kronleuchter schmückt, ging ganz locker damit um. Er beruhigte mich. Ein halber Eimer Bitumenpampe und die Wunde ward verschlossen. Einmal, zwischen Knife In The Water und den Bambi Molesters, gab es ein solches Unwetter, dass das Festival unterbrochen werden musste. Wasser ergoss sich aus allen Richtungen auf mich, Regenfallrohre waren verstopft, Rembert versuchte bei strömendem Regen durch eine OP am offenen Fallrohr-Herzen die ärgsten Schäden zu vermeiden. Spannende Zeiten waren das.
Es wurde, außer mit David, auch mal mit John Parker intim. Er schlief auf mir, schmuste und sprach mit mir. Das machte mich so wuschig, mir wurde richtig blümerant vor Glück.

Und immer wieder verzückt mich diese Musik. Zum Beispiel als ich mal ganz mit mir im Reinen war (bei Maria Solheim), als ich verwirrt war ob des wüsten Stampfens, obwohl man mir doch nur eine Lesung angekündigt hatte (bei Franz Dobler), als meine Nadelholz-Beplankung aus allen Nuten und Astlöchern süß-harzige Tränen hervorpresste (bei Timesbold), als sich meine Balken vor Freude bogen (bei Lazy Horse, K1, Michael J. Sheehy, Go To Blazes, The Great Crusades) oder als mir bei Olli Schulz vor Lachen fast die Dachpappe wegflog. Da gab es auch ein nettes Missverständnis. Jemand brüllte „Du geile Rampensau!“. Ich war arg erbost, was beschimpft mich da ein wildfremder Typ so unflätig – bis ich merkte, dass nur der Olli damit gemeint sein konnte.


Die Konkurrenz macht der Bühne keine Sorgen. Es ist nur ein Roboter

Schön und unvergesslich auch, als die After-Show Party auf mich überschwappte und 50 enthemmte OBS-Helfer, mit mir vereint, zu extrem lauter Rockmusik eine Art innigen Ibiza-Rave veranstalteten, da wackelten meine Bretter und Balken, dass ich dachte ich kollabiere. Herrlich.

Ein Mal im Jahr bin ich also für 2000 Menschen der Mittelpunkt des Universums. Das Zentrum ihrer Lebenskraft. Nicht viele Gebilde aus Holz können das von sich behaupten. Seit einigen Jahren habe ich übrigens Konkurrenz bekommen. Von einer jugendlichen Wanderbühne. Die stellt sich mal beim Sandkasten, mal beim Mischpult auf. Das Flittchen. Schaden kann sie mir nicht. Jeder Star braucht einen Side-Kick, um wirklich zu glänzen. Soll der Roboter doch auch mal seine Freude haben. Hat ja sonst nix zu lachen. Im Gegensatz zu mir.

Lang lebe das OBS. Denn das OBS und ich, wir gehören zusammen. Ohne Bühne kein OBS, ohne OBS keine Bühne. Auf Gedeih und Verderb sind wir einander ausgeliefert. Wir sind eins.
Und passt bitte mit offenem Feuer auf. Da bin ich ein bisschen empfindlich.

Die Bühne steht im Garten der Glitterhouse-Villa. Sie ist Jahr für Jahr Hauptdarsteller beim Orange Blossom Special und hält sich insgesamt und trotz der aufkommenden Konkurrenz aus dem Schaustellergewerbe sehr wacker. Ohne sie wären wir nichts!

Die Serie

28.11.2009

Klassiker am Samstag - Ramsay Midwood

Ramsay Midwood war im amazon.de-Ranking auf Rang 25.320 und war sich sicher, dass er genau so viel Alben verkauft hat. In einer Radiosendung wurde er ganz am Anfang gespielt, er war sich sicher, dass er in den Charts auf #1 steht. Nach Shoot Out At The O.K. Chinese Restaurant gingen Glitterhouse und Midwood getrennte Wege. Seine Musik bleibt. Midwood macht immer noch Musik.

27.11.2009

Die Weihnachstzeit einläuten

Natürlich mit Scott Matthew, wie könnte es anders sein?


26.11.2009

Das Orange Blossom Special XIV - Mein OBS (6)

Am Welttag der Zeitschrifen bei Mein OBS. Meine Erinnerungen verschwimmen zu einem einzigen großen Festivaltag, an dessem Ende ein Schreiber eine seltsame Frage stellt.



 Solang die Bierflaschen hinterm Zaun stehen, ist davor die Welt  in Ordnung

Am Ende meines ersten OBS vor sicher schon zehn Jahren, beschloß ich im nächsten Jahr als Gast wiederzukommen.  Aus dem Gast wurde nichts. Ich kam trotzdem wieder. Jedes Jahr. Entdeckte in jedem Jahre neue Lieblingsbands, wurde von Jahr zu Jahr heimischer dort. Seit einigen Jahren nun reise ich immer einen Tag vorher an, drehe eine Runde über den Zeltplatz, gehe dann zur Villa, schaue in den Garten. Irgendwer steht da immer, Christoph kocht in der Küche Kaffee und Archie muss noch irgendwelche Starkstromgeschichten regeln, hat gerade keine Zeit. Mit einem Bier setze ich mich an den Fähranleger unten an der Weser, schaue den Radfahrern hinterher. Einmal kam ich auch mit dem Rad vorbei. Kurz vor Holzminden pulverisierte sich der Schlauch am Hinterrad innerhalb weniger Sekunden. An einem der zahlreichen Atomkraftwerke an der Weser vorbei ging es zu einem Bahnhof im Niemansland zwischen Ostwestfalen und Südniedersachsen.


Am Fähranleger kann man nicht nur Radfahrer beobachten

Mit einem Bier am Fähranleger sitzen und den Radfahrern hinterherschauen bis der Stadtkrug aufmacht, ist definitiv die bessere Variante. Wenn er dann aufhat: Wiedersehen. Familientreffen. Manchmal liest einer, manchmal steht eine Band im hinteren Zimmer. Samstags ist immer, wenn Bremen es mal wieder erreicht hat, Pokalfinale. Dann läuft die Bremer Gruppe den ganzen Tag in ihren Pizarro-Trikots übers Gelände, zum Spiel verschwinden sie in eines der Hotels. Wenn es für Nürnberg mal wieder um was geht, denn auch sie haben immer zu Pfingsten entscheidene Spiele, läuft Peter vogelwild durch den Backstagebereich, setzt sich an einen Computer, telefoniert. Jens, der früher bei Indigo war, heute wieder in seinen alten Beruf zurückgegangen ist, interessiert das alles nicht. Er ist seit Jahren immer hinten am Soundboard und da am Eingang bei den Bildern. Marcus steht auf der anderen Seite nahe am Schrein. Einmal, als Robert Fisher bei Let It Roll von seinem Schemel aufsteht, schlage ich ihm entgeistert auf die Schulter. Denke ich. Bis sich die Person umdreht. Marcus steht ein paar Meter vor der Person, die sich da gerade umgedreht hat. Die Dunkelheit. Vorne neben der Bühne kann ich Ullrich und Tüte ausmachen, sie halten das alles auf Bild fest. Rembert kauert am Bühnenrand, die Treppe sichern Martin und Carsten ab.


Scott Matthew mit Doppelgänger M - im Hintergrund eine Sub Pop Jacke

Mit der Zeit verschwimmen die Jahre in der Erinnerung zu einem einzigen großen, nie enden wollenden Festivaltag. Bei Locas In Love stehe ich vor der Bühne, lache über ihren Ansagen. Bei Jeb Loy Nichols sitze ich auf der Wiese, bei Mofro auch. Als Timesbold „Oval Room“ von Blaze Foley covern, bin ich seltsam glücklich. Während Pleasant Grove und der Broken Family Band scheint die Sonne direkt ins Herz. Michael J Sheehy bläst bereits morgens alles weg, Dobler stampft seinen Beat, Scott Matthew verstört einen Teil des Publikums, Johnny Dowd macht Unglaubliches mit Whiskey aus seinem frühen Slot, The Real Ones könnten schlechter sein, Seachange sind auf ihrem Höhepunkt, Boy Division keine Verbrecher, Sport episch, Wynn & Casal & Eckman werden von Jason Victors Gitarre ganz an den Bühnenrand geprügelt, wollen nicht mehr aufhören. Savoy Grand sind lauter als alle Bands zusammen.


Ob Johnson sich hier schon eine Antwort auf die Frage überlegt?

Ihr Soundmann freut sich hinterher spitzbübisch. „How does it feel having sex while listening to your own music“, fragt die Band dann eine Person, die schon gut drüber ist.  Er, der scheinbar überhaupt keine Antwort erwartet hat, erzählt dann von seinen Saunaerlebnissen. Daneben tanzt Henning im Deutschlandkostüm zu Schwarz Und Weiss, vorne richtet David das Flunkyballfeld her oder sich hin. Der Abend endet am frühen Morgen entweder im Garten oder vor der Beverunger Ausgabe der 8mm-Bar, dem Stadtkrug, wer kann sich schon erinnern?


hinter dieser Mauer geht es zurück in die echte Welt. dort ists dann nicht mehr so schön

Am nächsten Morgen geht es zum Bahnhof Lauenförde-Beverungen. Seit einigen Jahren hat die Deutsche Bahn die Strecke aufgegeben, bewirtschaftet wird sie nun von der Nordwestbahn. Es gibt dort keine Menschen mehr, sie wurden durch einen Automat ersetzt. Einmal in der Stunde fährt hier ein Zug über Bad Karlshafen in Richtung Göttingen, einmal in der Stunde fährt einer in Richtung Ottbergen. Beide Strecken führen bis zum nächsten Jahr raus aus dem Paralleluniversum im Wesertal.

Herr ueberzahl ist seit dem OBS 2000 immer dabei. Manchmal im  Wanne-Eickel-Trikot, manchmal mit langen Haaren, manchmal mit einer Glatze

Die Serie

25.11.2009

Die uz-Platten des Jahres - Die Plätze 5 bis 1


Platz 5

Music For Your Heart – Turning Marvel
Sunday Service


Sandra Zettpunkt hat schon so einiges auf dem Kerbholz. Die Fünf Freunde, Camping, Kajak. Nur einige ihrer Stationen. Irgendwann siedelte sie von Hamburg in die Schweiz. Nach Bern. Music For Your Heart ist jetzt ihr erstes „Solo“-Projekt. Nur Volker Zander (Calexico) war manchmal mit dabei. Produziert hat Raymond McGinley (Teenage Fanclub). „Turning Marvel“ ist ein verhuschtes Album. Die Stimme sehr zaghaft. Meist singt Zettpunkt auf Englisch, manchmal, wie auf dem fantastischen „Steve McQueen“ wechselt sie kaum hörbar ins Deutsche. Die klangliche Verdichtung Slints, Nicos abründige Eleganz und die Klarheit der Radar Bros.
„Das Album berührt unmittelbar und fasziniert durch den vorhandenen Detailreichtum, die Geschichten und Gedanken wirken wie unter vier Augen erzählt.“ (ByteFM)

Platz 4 


Tschilp – Whole Days In The Trees
Fidel Bastro


Das Hamburger Label Fidel Bastro überrascht immer wieder. In der Labeldiskographie gesellte sich in diesem Jahr mit Whole Days In The Trees ein dermaßen entspannt daher kommendes Album zu den durchweg unhörbaren Alben von Hrubesch Youth, den irrwitzigen Coverversionen von Boy Division, dem brachialen Krach von Potato Fritz, dass man erstmal ganz verwirrt auf den Aufdruck starrte. Dort stand tatsächlich Fidel Bastro und dunkel kamen Erinnerungen an Nice New Outfit hoch. Der Einfachheit halber: Postrock. So wie er heute nur noch selten gemacht wird. Mit ausschließlich Vogellauten als Songtitel.
„Ihr auf Moll getrimmter Indie-Post-Irgendwas birgt die Entspanntheit von Low in sich, hat die Eleganz von Electrelane und schafft durchweg eine Atmosphäre zarter Vertrautheit, die doch nicht frei von Spannungen ist, welche immer wieder im kantigen Wechselspiel von Bass und Gitarre das Abgleiten in ätherischen Folkpop verhindern“ (Intro)

Platz 3


 Scott Matthew – There Is An Ocean That Divides And With My Longing I Can Charge It With A Voltage That Is So Violent That To Cross It Could Mean Death
Glitterhouse

Der längste Albumtitel des Jahres. Das hätte auch in die Hose gehen können. Doch alles war noch schöner als auf dem Debütalbum im Jahr zuvor. Noch deutlicher instrumentiert. Noch mehr Streicher (von Spencer Cobrin arrangiert), noch mehr Pathos und noch mehr versprengte Hoffnungsfunken.
„Folkssongs von erhabener Schönheit. Das definitve Werk für die sehr, sehr einsame Insel“ (Stern)

Platz 2

We Were Promised Jetpacks - These Four Walls
Fat Cat

Erst war da nur das Gerücht. Neben The Twilight Sad und Frightened Rabbit gibt es auf Fat Cat jetzt eine weitere Band aus Schottland. Dann kam „Quiet Little Voices“, das Album und später die Tour. Dort spielten die Racketenrucksäcke dann alles in Grund und Boden. Jung, ungestüm und Emo wie damals Jimmy Eat World. „Something’s happening in the attic, there’s no way I’m going up there”, was da passiert wollte niemand verraten
“Wer hätte sich je Mogwai als Popprinzen vorstellen können, über deren instrumentale laut/leise-Strukturen der Sänger der Maccabees mit schottischem Akzent gesungene Texte intoniert!“ (taz popblog)

Platz 1


Savoy Grand – Accident Book
Glitterhouse


Die Eintragungen ins Accident Book sind noch frisch, erst am Freitag wird es im Handel stehen. Die Einzigartigkeit dieser Musik wurde an dieser Stelle schon öfters angepriesen. Es ist schön, es ist wichtig, dass es so Musik heute noch gibt. Im Zug sitzend. Aus dem Fenster schauend. Auf 300km beschleunigt, verschimmt die Landschaft, die Gedanken driften davon. Halb wach. Der Tag war zu lang.
„Die späten Talk Talk und die einzige Solo-LP von Mark Hollis bleiben die einleuchtendsten Bezugsgrößen für "Accident Book". Das, eine weiße Birke oder die Stille nach dem Schuss.“ (Spiegel Online)

24.11.2009

Die uz-Platten des Jahres - Die Plätze 10 bis 6


Ein weiteres Jahr zieht ins Land, sogar eine Dekade lassen wir in den nächsten Wochen hinter uns. Von der Data-Panik im Jahre 1999 ist momentan wenig zu spüren, die Menschheit ist noch nicht auf dem Mars und auch Emmerich lässt am Ende nur eine Arche bauen, um die Menschheit vor der Katastrophe biblischen Ausmaßes zu retten. Jetzt aber erstmal Weihnachstmarkt- und Listenzeit. Heute und morgen kommen die zehn uz-Alben des Jahres. Später wird die Liste irgendwann sicher noch um andere Veröffentlichungen ergänzt. Genug der Vorrede. Los geht es heute mit den Plätzen 10 bis 6.

Platz 10 


 Megafaun - Gather, Form & Fly
Crammed

„Rausgehen, rocken und zerstören“, nannten es Pendikel auf „3“. Mit dem Albumtitel „Gather, Form & Fly“ antworteten Megafaun in diesem Jahr auf das ihr höchstwahrscheinlich unbekannte Lied dieser unterschätzten blunoise-Band. Megfaun zerlegen die amerikanische Musikgeschichte in ihre Bestandteile und bauen sie auf unbeschreibliche Art und Weise wieder zusammen. Califone in noch bärtiger, und mit mehr Harmoniegesängen.
„In den besten Momenten überlagen sich die Stile und Referenzen; in ein und in dem selben Song ist die Band in der Lage, Minimal Music, Field Recordings und das polyrhythmische Küchengeklapper von Moondog zu verarbeiten. Und hin und wieder besuchen sie die Fleet Foxes in der Kirche der aufgehenden Morgensonne“ (musikexpress)

Platz 9 



Official Secrets Act – Understanding Electricity
One Little Indian

So viel Schwermut in 2009, zu der wir später noch kommen werden, keine Bange. Doch am Anfang stand dieses Quartett aus dem UK. Die der Dunkelheit des Winters mit leichtem Retro-Pop entgegenwirkten. Mit den einfachsten Mitteln. Mit „I Like Her, She Likes Me“-Mitsingpassagen und einem enormen Potential. Nicht alles hinter der meist polierten Popoberfläche war leicht verdaulich, und genau deshalb zeigt das Album auch Ende des Jahres kaum Abnutzungserscheinungen. Von OSA werden wir definitiv noch hören.
„Britpop kann Wolken vertreiben…Vergleiche zu den Kinks sind nicht zu hoch gegriffen“ (Visions)

Platz 8 

 
 
Emily Jane White – Victorian America
Talitres

Schon auf Dark Undercoat glänzte Emily Jane White in den dunkelsten Farben. Mit Victorian America führte die Endzwanzigerin aus Fort Bragg, CA diesen Ritt auf der Rasierklinge nun fort. Sie sagt: „It’s not my job to create happy music“ und hält sich an diese Regel. Sparsam instrumentiert. Eine Gitarre, ein Piano, eine Slide und einige wenige Streicher. Die Musik zerrt von der Stimme Whites.
„PJ Harvey und Nick Cave, den Granden des finsteren Storytelling, wird eine kurze, aber heftige Romanze nachgesagt. Wäre dieser Liaison eine Tochter entsprungen, sie hätte vielleicht Emily Jane geheißen.“ (ByteFM)

Platz 7 



Chris Cacavas – Love’s Been Discontinued
Blue Rose

Eigentlich war Cacavas nie weg, ja sogar näher als je zuvor. Seine Projekte koordiniert er aus Süddeutschland. Die Liebe hatte ihn, wie das bei solchen Geschichten immer so ist, dort ankommen lassen. In den vergangenen Jahren war er mit Steve Wynn auf Tour, erlebte das Comeback von Green On Red und immer öfter kamen die Fragen nach einem Solo-Album auf. Er arbeite dran, erzählte er bei jedem Treffen, und urplötzlich war es da. Weiter weg vom klassischen Americana. Mit großartigen Pop-Songs. Das Warten hat sich definitiv gelohnt.
„Dieses Mal sind die atmosphärischen Sounds subtil im Hintergrund platziert. Das macht sie jedoch nicht weniger wirkungsvoll. Im Gegenteil, sie scheinen die Schwerkraft aufzuheben und lassen die […] Songs schweben wie ein Stück von Can mit Damo Suzuki“ (Rolling Stone)

Platz 6 



Jessica Lea Mayfield - With Blasphemy So Heartfelt
Munich

Gerade mal 19 Jahre alt war Jessica Lea Mayfield als Munich Records Anfang 2009 ihr Debütalbum veröffentlichte. Ziemlich zeitgleich hörte man sie auf Dan Auerbachs fantastischem Keep It Hid-Album bei einem dieser Lieder für die Ewigkeit: „When The Night Comes“. Aber auch ihre von Auerbach produzierte Platte gehörte zu den Singer/Songwriter-Alben des Jahres.
„Mayfield zelebriert als schräge Fortführung von Mazzy Star die Verzweiflung und fragt, was zuerst da war: Liebe oder Lüge? Schaurig schön“ (Stereoplay)