Lange waren wir still, doch heute ist Donnerstag. Heute ist Mein-OBS-Tag! Es müssen nicht immer nur Menschen sein, die ihre Geschichte erzählen. In dieser Woche gewährt uns die Bühne Mein-OBS-exklusiv Einblicke in ihre Geschichte.
It's your universe, behaupten die Menschen. Doch das bin nur ich
Nun, ich hab sie schon alle gehabt. Auf mir standen und spielten unzählige Künstler. Unter ihnen The Walkabouts, SPORT, Hazeldine, Go To Blazes, Olli Schulz, Tilman Rossmy, Willard Grant Conspiracy, The Great Crusades, Get Well Soon, Scott Matthew, The Violent Years, I Am Kloot, One Finger Salute, Fink, King Khan & His Shrines, 25 Green Way und viele, viele, sogar hunderte, mehr.
Gebaut wurde meine Vorgängerin von Titto, Jürgen und Rembert, vor fast 14 Jahren, aus ein paar Spanplatten, einem riesigen Stapel Euro-Paletten und unzähligen Spax-Schrauben. Bisschen Plane oben drüber. Fertig. Vorher musste allerdings noch ein halber Urwald abgeholzt werden, um Platz zu schaffen. Angeblich sollte nur ein kleines Grillfest stattfinden und auf ihr, meiner Vorgängerin, sollte etwas Musik zur Unterhaltung dargebracht werden. Was sich daraus für ihre und meine Erbauer und letztlich auch für mich für Konsequenzen ergeben würden, das war damals noch nicht abzusehen. Sie, meine Vorgängerin, war komplett selbst gebastelt. Und hatte `nen Dachschaden. Genau über dem Schlagzeug-Podest tat sich ein kleines Loch auf. Tropf, tropf, tropf.
So manch einer stand auf mir, noch viel mehr immer davor
Daher wurden, im zweiten Jahr des OBS, gleich Nägel mit Köpfen gemacht. Dachten meine Erbauer. Und zogen einen Fachmann zurate, dessen Selbstsicherheit ihnen Mut machte, dessen Ahnungslosigkeit allerdings sich erst nach etwa zwei Jahren als exorbitant erweisen sollte. Er ersann und baute: mich. Stress und körperliche Anstrengung waren mir rasch deutlich anzusehen. Irgendjemand hatte da wirklich deutlichst gepfuscht. Ich hatte viel zu dünne Beine, anfangs. Das sagten alle, damals. Die Balken, die mein Dach stützten, waren bei weitem zu zierlich für dessen Gewicht und bogen sich gefährlich nach außen. Sie formten sich zum "O" und machten mich, zumal bei Schneelast, oder wenn Bühnenbeleuchtung an meinem Dach hing - lebensgefährlich. Dann nahmen sich ein Statiker und der Zimmereibetrieb Rose aus Jakobsberg meiner an.
Auftritt Böhners Gebalstapler. Darauf einige Europaletten, darauf Baustempel/Deckenstützen. Hoch mit dem Dach, Stützen drunter und Durchhalten. Alte Beine wegkloppen. Neue Stützen, bzw. die zu einem Rahmen verbundenen neuen Beine per Seilwinde hochziehen und drunterschieben. „Halt bloß durch, sonst gibt's hier Verletzte, Gabelstapler!“ sagte der eine. „Wenn wir Glück haben“, sagte der andere. „Hecheln, Bühne, immer weiterhecheln, gleich ist es geschafft!“ Sie versuchten, mir Mut zu machen. Während sie mich verrenkten, aus den Angeln hoben, mich notdürftig abstützten und sich einen Dreck drum scherten, dass eine Bühne, bitteschön, doch auch Würde und Gefühle hat. „Halt durch, du machst das super, du bist echt total tapfer“, sagten sie. „Nochmal hecheln, jaaa, richtig, dauert nicht mehr lange, istgleichsoweit, bisschen drücken und pressen noch, ja doch, wir sind ja bei dir, ganz kurz nur noch, verdammt warum geht das hier nicht weiter, schieb doch mal den Pfosten weiter durch, Himmeldieberge!“
Und zack, hatte ich, die wieder strahlende Bühne, tolle, feste Beine, die mein schweres Dach zu halten vermögen. Ohne einen einzigen Nagel oder eine Schraube drin. Alles in guter alter Handwerkstradition mit Holz verzapft. Schon irre. Richtig schmuck sah das aus. Und seitdem geht es mir bei der Arbeit auch viel besser. Und auch alle anderen fühlen sich wohler, da sie nicht mehr befürchten müssen, dass ich mitten in einem Konzert zusammenbreche und the next big thing unter mir begrabe.
Der Morgen danach. Ein Szenario wie aus einem Emmerich-Schinken
Der ganze Aufwand wird betrieben, nur damit ich ein Mal im Jahr von bekloppten Musikern mit Füßen getreten werde. Von Big Bang. Von Lampshade. Von Robert Fisher. Das sind Belastungen. Aber ohne mich wäre das ja alles nichts. Das macht mich auch stolz.
Jedenfalls nahm die Gewissheit Gestalt an, dass ich mich solchen Belastungen fürderhin jedes Jahr zu stellen haben würde. Auf unbestimmte Zeit. Ich wollte eigentlich nur in Ruhe vor mich hin stehen. Aber das Leben ist nun mal kein Rummelplatz. Ich fügte mich also in mein Schicksal und lasse nun jedes Jahr zu Pfingsten eine Horde Musiker auf mich drauf.
Sie wollen Euch erzählen, Und der hier macht das Jahr für Jahr. Mein Erschaffer erzählt einen schlechten Witz
Aber auch wenn diese Veranstaltung für mich immer ein Knochenjob ist, so bereitet sie mir doch auch Freude. Ich werde immer schön herausgeputzt. Zuerst räumen Stefan, Philip, Felix, Johannes und die anderen diese Expo-Faltdächer von mir runter, die auf mir überwintern. Dann fegen sie mich. Das kribbelt immer ganz toll. Währenddessen steigt Yannick auf mein Dach und befreit es von Moos, Laub und toten Vögeln, damit mein Abfluss nicht verstopft. Als nächstes krabbelt Martin, mit einem Tacker bewaffnet, in mein Gebälk und zieht mir mein Kleid an. Dieses Kleid trage ich schon seit einigen Jahren. Früher war ich da experimentierfreudiger. Ich erinnere mich noch gut an mein gold-glänzendes Disco-Folien-Outfit. Aber das raschelte immer so laut, wenn es mal windig wurde, und die Techniker haben sich darüber beschwert. Also kam das Kleid nach einem Jahr wieder in den Schrank. Heute ziehe ich es noch regelmäßig zum Beverunger Karneval an.
Nachdem dann auch noch ein Teppich auf mir verlegt wurde, wird es richtig spannend. Dann kommen nämlich die Techniker und hängen lauter Boxen und Lampen in mich rein. Das ist immer ein ganz schöner Akt und sie fluchen oft über mich. Aber insgeheim mögen sie mich, glaube ich. Zur Krönung werde ich dann von Carsten gesaugt. Der macht das übrigens jeden morgen. Muss er auch, denn nach einem Festivaltag sehe ich immer ganz schön mitgenommen aus. Dauernd kippen Bierflaschen auf mir um und treten Musiker Zigaretten auf mir aus. Einmal hat Dave sogar auf mir geschlafen. Deshalb bin ich froh, dass sich diese Leute so nett um mich kümmern.
Und ich bin froh, dass jedes Jahr so viele Menschen kommen um mich zu sehen.
Alter Schwede! Es gibt immer was zu tun
So manches Mal bekam ich mit, dass ich im Mittelpunkt stehe. Etwa, als Rembert sich um meine seitliche Wetterplane bemühte: "Krause, kriege ich 24m² der alten LKW-Plane für zwei Eintrittskarten? Das alte Mädchen braucht dringend`nen Mantel!". Dann versuchten die Menschen vom OBS-Team vor einigen Jahren, ein Zwischendach zu ziehen, vom Balkon des Glitterhouses bis zu meinem Dach. Darin, in meinem Dach nämlich, ist seitdem ein Loch. Jürgen, aber, der tapfere Erbauer, der mich auch immer mit dem (selbstgebauten!) Kronleuchter schmückt, ging ganz locker damit um. Er beruhigte mich. Ein halber Eimer Bitumenpampe und die Wunde ward verschlossen. Einmal, zwischen Knife In The Water und den Bambi Molesters, gab es ein solches Unwetter, dass das Festival unterbrochen werden musste. Wasser ergoss sich aus allen Richtungen auf mich, Regenfallrohre waren verstopft, Rembert versuchte bei strömendem Regen durch eine OP am offenen Fallrohr-Herzen die ärgsten Schäden zu vermeiden. Spannende Zeiten waren das.
Es wurde, außer mit David, auch mal mit John Parker intim. Er schlief auf mir, schmuste und sprach mit mir. Das machte mich so wuschig, mir wurde richtig blümerant vor Glück.
Und immer wieder verzückt mich diese Musik. Zum Beispiel als ich mal ganz mit mir im Reinen war (bei Maria Solheim), als ich verwirrt war ob des wüsten Stampfens, obwohl man mir doch nur eine Lesung angekündigt hatte (bei Franz Dobler), als meine Nadelholz-Beplankung aus allen Nuten und Astlöchern süß-harzige Tränen hervorpresste (bei Timesbold), als sich meine Balken vor Freude bogen (bei Lazy Horse, K1, Michael J. Sheehy, Go To Blazes, The Great Crusades) oder als mir bei Olli Schulz vor Lachen fast die Dachpappe wegflog. Da gab es auch ein nettes Missverständnis. Jemand brüllte „Du geile Rampensau!“. Ich war arg erbost, was beschimpft mich da ein wildfremder Typ so unflätig – bis ich merkte, dass nur der Olli damit gemeint sein konnte.
Die Konkurrenz macht der Bühne keine Sorgen. Es ist nur ein Roboter
Schön und unvergesslich auch, als die After-Show Party auf mich überschwappte und 50 enthemmte OBS-Helfer, mit mir vereint, zu extrem lauter Rockmusik eine Art innigen Ibiza-Rave veranstalteten, da wackelten meine Bretter und Balken, dass ich dachte ich kollabiere. Herrlich.
Ein Mal im Jahr bin ich also für 2000 Menschen der Mittelpunkt des Universums. Das Zentrum ihrer Lebenskraft. Nicht viele Gebilde aus Holz können das von sich behaupten. Seit einigen Jahren habe ich übrigens Konkurrenz bekommen. Von einer jugendlichen Wanderbühne. Die stellt sich mal beim Sandkasten, mal beim Mischpult auf. Das Flittchen. Schaden kann sie mir nicht. Jeder Star braucht einen Side-Kick, um wirklich zu glänzen. Soll der Roboter doch auch mal seine Freude haben. Hat ja sonst nix zu lachen. Im Gegensatz zu mir.
Lang lebe das OBS. Denn das OBS und ich, wir gehören zusammen. Ohne Bühne kein OBS, ohne OBS keine Bühne. Auf Gedeih und Verderb sind wir einander ausgeliefert. Wir sind eins.
Und passt bitte mit offenem Feuer auf. Da bin ich ein bisschen empfindlich.
Die Bühne steht im Garten der Glitterhouse-Villa. Sie ist Jahr für Jahr Hauptdarsteller beim Orange Blossom Special und hält sich insgesamt und trotz der aufkommenden Konkurrenz aus dem Schaustellergewerbe sehr wacker. Ohne sie wären wir nichts!
Die Serie